Das Kloster

Kloster Ahrensbök

1. Historische Namensformen

Arnesboken (1328/1335), Villa Arnsboken (1397), Domus Templi Mariae in Arnsboken (1484), Arnsboeken (1567)

 

2. Politische und kirchliche Topographie

Siedlung in der Grafschaft Holstein, seit 1460 Personalunion Schleswig-Holstein mit dem Königreich Dänemark, ab 1474 Herzogtum Holstein; ma. Bistum Lübeck

Heute: Deutschland, Bundesland Schleswig-Holstein, Kreis Ostholstein; Erzbistum Hamburg.

 

3. Patrozinium

B. Mariae Virginis

 

4. Provinzzugehörigkeit

Provinz Alemaniae inferioris (1397), Provinz Saxonia (ab 1412)

 

5. Geschichtlicher Überblick

5.1 Stiftung, Gründung, Besiedlung, Inkorporation

Um das Jahr 1280 kam es in Ahrensbök bei Lübeck (Pfarrei Gnissau) zur Gründung einer Wallfahrtskapelle, nachdem dort ein Schafhirt ein wundertätiges Marienbild in einer Buche aufgefunden hatte. Zu Pfingsten 1328 bestimmte Graf Johann III. der Milde die Stiftung der selbständigen Pfarrei. Im Zuge der Rückeroberung der vom Dänenkönig Waldemar IV. besetzten Insel Fehmarn legten 1357 drei verbündete holsteinische Grafen das Gelübde ab, zu Ehren der Jungfrau Maria in Ahrensbök ein Nonnenkloster zu errichten. In der testamentarisch verfügten Stiftung des Lübecker Domherrn Jacobus Crumbeke fand dieses Anliegen 1387 zur Errichtung eines Prämonstratenserinnenklosters eine bedeutende Förderung. Doch bestimmte Herzog Gerhard von Schleswig mit Einwilligung Bischof Eberhards von Lübeck und Crumbekes Testamentsvollstreckern, dass in Ahrensbök ein Kartäuserkonvent errichtet werden sollte. Der Ort sei für ein Kloster des Prämonstratenserordens nicht ausreichend. Am 7. Dezember 1397 wurde die Gründung der Ahrensböker Kartause in Gegenwart der Prioren von Erfurt, Eisenach und Hildesheim vollzogen. Der Lübecker Bischof sicherte zu, die Güter des Klosters in seinen Schutz zu nehmen zu wollen. Er inkorporierte die Pfarrkirche der Kartause und schenkte eine größere Geldsumme. Das 1398 in Seiz (Steiermark) tagende Generalkapitel bestimmte Heinrich von Eschwen, Profess von Erfurt und Gründer der Kartause Hildesheim, zum Gründungsrektor in Ahrensbök. Die Besiedlung erfolgte durch die Häuser Erfurt, Würzburg und Hildesheim.1399 wurde mit der Inkorporation des Marientempels in den Kartäuserorden Rektor Johann von Hoya zum Prior ernannt.

 

5.2 Hoch- und Spätmittelalter

Da die Mönche eine Pfarrkirche übernommen hatten, mussten sie für die Seelsorge Rechnung tragen. Dazu setzten sie einen Weltpriester als presbyter oder plebanus ein. Die Kartäuser besaßen gegenüber dem Lübecker Bischof das Vorrecht, den Priester jederzeit absetzen zu können und einen Mann ihres Vertrauens mit der Seelsorge zu beauftragen. Die erhaltenden Fragmente des Memorien- und Wohltäterbuchs geben Einblick in die Stiftungsfreudigkeit vieler Gläubigen. Ein Ablassbrief der Lübecker Bischöfe von 1508/11 sicherte all denen den Erlass von zeitlichen Sündenstrafen zu, die vor dem Hochaltar der Klosterkirche und dem Marienbild auf diesem Altar fünfmal das Gebet des Herrn sowie das Ave Maria andachtsvoll beten.

 

5.3 Neuzeit

Die Überschätzung der eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten und der dramatische Rückgang der lebenswichtigen Messstiftungen im Zuge der Reformation beschleunigten den Niedergang der Kartause. Im Mai 1534 fielen Lübecker Truppen unter Marx Meyer in Ahrensbök ein, plünderten das Kloster und steckten es in Brand. Während sich die meisten Konventsmitglieder rechtzeitig vor dem Eindringen von Soldaten des Dänenkönigs 1565 in andere Niederlassungen absetzen konnten, wurden zwei übriggebliebene Professen vertrieben. Der letzte Prior, Henning Sankmester, empfing vom dänischen König eine Leibrente auf Lebenszeit und verstarb hochbetagt 1571 vermutlich in der Ahrensböker Gegend. Die ehemalige Klostergrundherrschaft kam 1564 durch Teilung des königlichen Anteils in den Besitz Johanns des Jüngeren, des Bruders von Dänenkönig Friedrich II. Der Abbruch der Klausurgebäude – mit Ausnahme der Kirche – erfolgte 1584.

 

5.4 Innere Klostergeschichte

Neben der Klosterkirche unterhielten die Kartäuser in der Nähe der Holstenbrügge vor Plön eine 1485 ausgebaute Kapelle. Sie wurde von zahlreichen frommen Betern besucht. Donati hospites, redditi und praebendarii („Pfründner“) lebten als Gäste (Affilierte) in der Ahrensböker Kartause. Sie hatten ihr Eigentum der Gemeinschaft überlassen und wurden auf Lebenszeit mit Kleidung und Nahrungsmitteln versorgt. 1463 schlossen sich die Häuser Ahrensbök und Rostock zu einer Gebetsbruderschaft zusammen. Dem Kreis der Fraternität trat später Herzog Magnus von Mecklenburg bei.

 

6. Wirtschaftliche, rechtliche und soziale Verhältnisse

6.1 Wirtschaft

Die Gründungsstiftung des Lübecker Kanonikus Crumbeke umfasste Einkünfte aus fünf fehmarnschen Dörfern, hinzu kamen Eigentumsrechte an weiteren holsteinischen Siedlungen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem anfänglichen Streubesitz der Kartause eine Klostergrundherrschaft mit 31 Dörfern, einer umfangreichen Ackerflur, Waldungen sowie 81 Seen und Teichen. Im Jahr 1513 zählten zur Grundherrschaft 190 Bauern. Wichtigste Einnahmequelle des Klosters war die Grundheuer, das Entgelt für überlassenes Nutzungsrecht von bewirtschaftetem Grund und Boden. Bereits viele Jahre vor dem Einsetzen der reformatorischen Bewegung litt die Kartause jedoch unter erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Da zu Beginn des 16. Jahrhunderts der Landesherr, Herzog Friedrich I. von Holstein, erhöhte Abgaben für seinen Krieg gegen König Christian II. von Dänemark einforderte, sah sich das Kloster gezwungen, wertvollen Besitz zu veräußern. Die Weigerung des Lübecker Domkapitels, den Mönchen weitere finanzielle Unterstützung zu gewähren, beschleunigte den Niedergang.

 

6.2 Rechtliche Verhältnisse

Obwohl das Kloster der Jurisdiktion des Bischofs von Lübeck entzogen war, bestand ein gutes Verhältnis zum Bistum, das sich in zahlreichen geistlichen Stiftungen niederschlug. Die Kartause wurde zu einem geistlichen Zentrum für die kleine Diözese. Die holsteinischen Landesherren hatten trotz zahlreicher Schenkungen ihre Gerichtshoheit gegenüber dem Kloster nie aufgegeben. Der Herzog blieb Vogt und damit ordentlicher Vorgesetzter über die Klosterhintersassen. Handwerker und Bauern aus der näheren Umgebung standen im Dienste des Konvents. Klagen von Hintersassen gegen die Kartause kamen vor das Segeberger Grafending. Ein Laienbruder der Konvents, der advocatus, entschied in der Regel über Delikte, die sich auf dem Klostergebiet ereignet hatten. Der Prior stand dem geistlichen Gericht vor, wenn innerhalb der Klostermauern der „Burgfrieden“ gestört worden war. Häufig wurde dem Angeklagten eine geistliche Bußübung – verbunden mit einer Geldzahlung – auferlegt.

 

6.3 Soziale Verhältnisse

Obwohl keine Listen mit Namen von Konventsangehörigen in Ahrensbök vorliegen, können wir von der üblichen Zahl von 12 Mitgliedern mit dem Prior und einigen Laienbrüdern ausgehen. Im Unterschied zu den Klöstern Cismar und Preetz, die enge Kontakte zur holsteinischen Ritterschaft unterhielten, erhielt der Marientempel den größten Teil der Stiftungen von Bürgern aus dem benachbarten Lübeck. Angehörige des Adels sind unter den Mönchen und Konversen nicht nachzuweisen. Die Liste von Amtsträgern ist veröffentlicht von Prange in den Schleswig-Holsteinischen Regesten und Urkunden Bd. 10, 20 – 24.

 

7 Patronate

7.1 Gründungsbeteiligungen,Visitationen und Stellung im Orden

Ahrensböker Kartäuser beteiligten sich an der Leitung anderer Niederlassungen: Der erste Prior, Johannes de Hoya (1399 – ca. 1404) führte später die Kartause Marienehe in Rostock und Rügenwalde. Paulus Grambeck wechselte 1419 als Prior nach Rügenwalde/Pommern; 1438 kehrte er in dieser Funktion in den Marientempel zurück. Prioren aus Ahrensbök visitierten andere Kartausen in der Provinz Saxonia: Gottfried Basedow (1435 – 36; 1440 – 42, Konvisitator 1420 – 34), Paulus Grambeck (1450 – 52, Konvisitator 1443 – 49), Gregor (1458), Georgius als Hauptvisitator 1488 oder/und 1491.

 

7.2 Patronatsrechte

Nach dem Tod des letzten Weltpriesters an der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Marien in Ahrensbök, Heinrich Mewes, wurde 1408 das Gotteshaus mit der Pfarrei dem Kloster inkorporiert.

 

8. Bibliotheksgeschichte

Da die gesamten Klausurgebäude abgetragen wurden, lässt sich der Standort der Bibliothek über der Sakristei südlich der Kirche nur vermuten. Der Ahrensböker Prior Gottfried Basedow verfasste 1415 die Schrift „De morte et passione Salvatoris“ sowie ca. 1435 einen Trostbrief an Johann von Rode aus Hamburg. Zum Bibliotheksbestand gehörte eine 1453 angefertigte Abschrift des „Oculus religiosorum“ des bedeutenden Kartäuserschriftstellers Jacob von Paradies. Ein Band der berühmten Bibelerklärung des Nicolaus von Lyra aus Ahrensbök befand sich in der Lübecker Stadtbibliothek. Noch im 18. Jahrhundert existierten „ein großes Register“, „Die Geschichte des Arnesbokener Klosters“ des Priors Paulus von 1450 sowie das „Arnesbokener Klosterverzeichnis“, das 1760 im Plöner hochfürstlichen Archiv aufbewahrt wurde.

 

9. Bau- und Kunstgeschichte

Die Bauarbeiten an den Klosteranlagen zogen sich nach der Gründung mindestens bis 1400 hin, als der Lübecker Bischof Johann einen Ablass gewährte. Die Kirche umfasst ein zehn m breites und 14 m langes Hauptschiff mit einem 18 m langen, kreuzgewölbten 5/8-Chor. An der Nordseite befindet sich ein ebenfalls kreuzgewölbtes dreijochiges Seitenschiff. Chor und Seitenschiff wurden später angefügt. Der jetzige Turm entstand 1761. 1485 wurde die Marienkapelle im westlichen Teil des Seitenschiffs vergrößert. Zur Klosterzeit müssen nach einem Visitationsbericht von 1491 fünf Altäre gestanden haben. Das Gnadenbild der Muttergottes befand sich im Hochaltar. Vor dem Lettner fand der Volksaltar Aufstellung. Erhalten sind einige Grabmäler aus dem 15. und 16. Jahrhundert. An der Südwand der Kirche schloss sich der Große Kreuzgang mit den Mönchszellen an. Im Südosten der Anlage lag vermutlich das „obere Tor am Kloster“. Nördlich des Gotteshauses wird sich der äußere Klosterhof mit seinen Wirtschaftgebäuden befunden haben, ebenso das Pförtnerhaus, das Laienbrüderhaus, der Gästetrakt, das Back- und Brauhaus sowie Vorratsräume. In etwa 500 m Entfernung von der Klausur baute man das Vorwerk. Die gesamte Klosteranlage war mit einer aus Bohlen und Steinen errichteten Mauer umgeben.

 

10. Gedruckte und ungedruckte Quellen, Archivalien

AHRENSBÖKER DIPLOMATAR, 1. Teil: Landesarchiv Schleswig (= LA) 400 I

Nr. 308; 2. Teil: LA 400 I Nr. 308a.

AHRENSBÖKER ZINSREGISTER: LA 400 I Nr. 309.

MEMORIEN- UND WOHLTÄTERBUCH des Klosters Ahrensbök (Fragmente): LA 400 I Nr. 582.

HANDSCHRIFT A.IX.29: Universitätsbibliothek Basel, f. 257v – 262r (Visitations-

protokoll über Ahrensbök, 1446).

 

SCHLESWIG-HOLSTEINISCHE REGESTEN UND URKUNDEN Bd. 10: Kloster

Ahrensbök 1328 – 1565, bearb. von Wolfgang Prange, Neumünster 1989.

 

11. Literatur

PAULS, Volquart: Die Klostergrundherrschaft Ahrensbök. Ein Beitrag zur Geschichte des

Kartäuserordens, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Ge-

Schichte 54 (1924), 1 – 152.

RATHGENS, Hans: Die Kirche des Kartäuserklosters zu Ahrensbök, in: Nordelbingen 3,

(1924), 97 – 132.

PRANGE, Wolfgang: Bruchstücke des Memorien- und Wohltäterbuches des Klosters

Ahrensbök, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte

88 (1963), 69 – 91.

WÄTJER, Jürgen: Die Geschichte des Kartäuserklosters „Templum Beatae Mariae“ zu

Ahrensbök (1397 – 1564), in: Beiträge und Mitteilungen des Vereins für katholische

Kirchengeschichte in Hamburg und Schleswig-Holstein e. V. 2 (1988), 1 – 81

(= AC 56).

SCHLEGEL, Gerhard: Die Visitatoren der Kartäuser-Ordensprovinz Saxonia (1412 –1578),

in: Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart. Jahrbuch des Vereins

für Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim 58. Jhg. (1990), 41 – 60.

SCHLEGEL, Gerhard: Universität und Kartause – ehemalige Studenten und Professoren

in norddeutschen Kartausen, in: Akten des II. Internationalen Kongresses für

Kartäuserforschung in der Kartause Ittingen 1.-5. Dezember 1993 (1995), 67 – 84.

 

12. Zusammenfassung

Die Kartause Ahrensbök Domus Templi B. V. Mariae bei Lübeck geht auf eine Stiftung im Jahr 1397 durch Graf Adolf von Holstein und den Lübecker Bischof Eberhard von Atten-dorn zurück. Das Stiftungskapital stammte aus einer Erbschaft, die der Kanoniker Jacobus Crumbeke 1387 angelegt hatte. Bereits 1399 wurde die neue Kartause aufgrund günstiger materieller Grundlagen in den Orden inkorporiert. Nach dem Tod des letzten Pfarrers 1408 wurde die frühere Pfarrkirche des Wallfahrtsortes Ahrensbök feierlich übernommen. Mit der Kartause Marienehe bei Rostock bestand seit 1463 eine lebendige Gebetsbruderschaft. Urkundlich belegt sind zahlreiche Stiftungen aus der Region. Obwohl das Kloster 31 Dörfer und 81 Teiche und Seen besaß, führten zu Beginn des 16. Jahrhunderts Misswirtschaft, außerordentliche Steuerleistungen an den Landesherrn sowie ausbleibende Stiftungen zum Niedergang. Hinzu kam 1534 eine Brandschatzung der Klostergebäude als Folge der sog. „Grafenfehde“, die von 1533 bis 36 die Region heimsuchte. Der Besitzstand der Kartause wurde am 27. Januar 1564 säkularisiert. Nachdem im Folgejahr die noch verbliebenen Konventualen vertrieben worden waren, erfolgte der Abriss der Klosteranlagen. Nur die Kirche blieb als evangelisches Gotteshaus erhalten.

 

Dokumentation

- Konventssiegel von 1526 (LA Schleswig)

- Priorensiegel von 1551 (LA Schleswig, Urk.-Abt. Nr. 260) – Umschrift: scretv prioris templi

Mariae

- Ansicht der Kirche im 20. Jhd. (Strichzeichnung)

Dr. Jürgen Wätjer